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Aus: Justinus Kerner: Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit (1849)
Eine Beschreibung der Maulbronner Klosterkirche
Die Sommerkirche
Der Vorhof der Kirche bestand wieder in einer schönen, hohen Säulenhalle mit hochgesprengten, gotischen Fenstern.
Oben am Gewölbe erblickte man Kunstgebilde in Stein und in Farben, unter anderem ein Gemälde, in dem die Mönche sich naiverweise, wie im Bilde jenes auf einer Traube reitenden Klosterbruders, selbst persifliert zu haben scheinen.
Es war auf das Gewölbe das Bild einer Gans gemalt, an welcher eine Flasche, eine Bratwurst, ein Bratspieß etc. hingen, neben einer Fuge mit unterlegtem Texte, gleichwohl nur mit den Anfangsbuchstaben: A. V. K. L. W. H. All voll, Keine leer, Wein her!
In dem Schiffe der schönen, echt gotischen Kirche war uns immer das 14 Fuß hohe Kreuz merkwürdig, das aus einem einzigen Stein gehauen war, aber sehr täuschend von Holz zu sein schien. Es blieb der würdige, obgleich schmerzensreiche Ausdruck im Gesichte seines Christusbildes mir lange im Gedächtnisse. Am liebsten aber verweilte ich mit meinen Gespielen im Chor der Kirche. Durch das viele Bildwerk der Chorstühle, auf deren Boden man, entstanden durch das viele Knien der Mönche im Gebete, ausgeschliffene Vertiefungen bemerkte, durch die vielen Grabmonumente und Gemälde auf dem Boden und an den Wänden wurde unsere Phantasie immer reichlich beschäftigt.
Da war an den Chorstühlen in schönster Schnitzarbeit das Opfer Kains, die Trunkenheit Noahs, Isaaks Opfer, Davids Tanz vor der Bundeslade, Moses vor dem feurigen Busche, Simsons Kampf mit dem Löwen usw. zu erblicken.
Ein großer Teil der alten biblischen Geschichte prägte sich mir durch die Bilder dieser Chorstühle lebendig ein. Merkwürdig, aber zu bedauern war, daß sich in dieser Kirche unter den Tausenden von Bildern in Stein und Holz auch nicht ein einziges Bild eines Menschen befand, das noch eine Nase hatte. Wir suchten oft nach einem solchen, fanden aber nie eines. Die Schweden hatten in dem Dreißigjährigen Kriege diesen Vandalismus ausgeübt. Auch einen schönen Hochaltar mit vielen Bildern und der heiligen Jungfrau enthielt dieser Chor.
Von den Seiten sahen große Steinbilder der Stifter dieses Klosters, der Bischof Günther und der edle Ritter Walther, uns an.
Über all diese Gebilde gossen die mit den schönsten Glasgemälden erfüllten riesigen Fenster des Chores eine oft zauberhafte Beleuchtung. Welche Lust aber, über all diesen Bildern, den Chorstühlen, dem Hochaltar, in dem magischen Schimmer, leicht, wie zum Vogel verzaubert, zu schweben! Und dies geschah oft und auf eine für den älteren Zuschauer höchst beängstigende Weise. Wir umwanden uns nämlich oft mit den Glockenseilen, die von dem hohen Chorgewölbe herniederhingen, den Leib und ließen uns durch Kameraden vermittelst anderer, an diese Glockenstränge befestigten Seile, zuerst langsam, dann immer stärker und stärker, hin und her schwingen, bis wir zuletzt durch den ganzen Chor, ja! fast bis an das Gewölbe desselben, über all die Wunder da unten dahinflogen und aus unsern seligen Träumen, wir seien fliegende Engel, nur dann erst erwachten, wenn wir unter uns auf einmal die Schlüssel und die Stimme des in Zipfelkappe und Schlafrock herbeigekommenen Professors Mayer hörten, der durch die Türe des Dormentes ins Chor der Kirche auf unser Lärmen stieg und seinen Gottfried und mich unter dem Rufe »Hebräisch! Büble! Hebräisch! Und Sie, Christel! (so nannte man mich) Lateinisch!« aus unserem Himmel auf seine Stube im Dormente zum Lernen transportierte.
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| Justinus (Andreas Christian) Kerner
Geboren am 18.9.1786 in Ludwigsburg; gestorben am 21.2.1862 in Weinsberg.
Kerner war das sechste und jüngste Kind eines Oberamtmanns und Regierungsrats. Seine Kindheit verlebte er in Maulbronn und Ludwigsburg, wo er die Lateinschule besuchte und eine kaufmännische Lehre absolvierte. 1804 bis 1808 studierte er Medizin in Tübingen, daneben pflegte er den Umgang mit einem Kreis von Freunden der lyrischen Dichtung, unter ihnen Uhland, Karl Mayer, Heinrich Köstlin, Varnhagen von Ense. Seine ersten Gedichte veröffentlichte Kerner 1807/08 in Leo von Seckendorfs »Musenalmanachen« und in Arnims »Zeitung für Einsiedler«. Eine einjährige Bildungsreise führte ihn im Frühjahr 1809 nach Hamburg, wo er in einem von seinem Bruder geleiteten Spital arbeitete; von dort aus besuchte er Fouqué und Chamisso in Berlin. Im Herbst 1809 reiste er weiter nach Wien, dort hatte er Umgang mit Dorothea und Friedrich Schlegel und lernte Beethoven kennen. Ab Herbst 1810 wirkte er als praktischer Arzt in kleinen württembergischen Orten, ab Januar 1819 in Weinsberg. In Zusammenarbeit mit Uhland und Schwab erstellte er zwei Sammelwerke, den »Poetischen Almanach für das Jahr 1812« (Herausgeber Kerner) und den »Deutschen Dichterwald« (Herausgeber Kerner, Fouqué; und Uhland). In die württembergischen Verfassungskämpfe (1817-1819) griff er mit einigen Aufsätzen ein, zog sich aber später auf eine politikfeindliche Innerlichkeit zurück. Sein 1822 in Weinsberg erbautes Haus wurde zu einem der geistigen Zentren Württembergs. Ab 1851 erblindete er zunehmend.
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